Neues Heim, Glück und Dreck

Donnerstag, 08.02.2018

Hallihallo,

 

milliarden Jahre später schreibe ich mal wieder. Ich bin in meine neue WG gezogen und es geht mir sooo viel besser. Ich zahle £100 weniger, habe ein größeres Zimmer, brauche bei wenig Verkehr nur fünf Minuten mit dem Bus zur Uni und wohne vor allem mit Leuten in meinem Alter zusammen, die alle studieren: Kai aus Whales, Saqib aus Pakistan und Matheau aus Belgien - leider keine Mädelspower, aber ich verstehe mich wirklich gut mit den dreien und fühle mich endlich wirklich wohl Zuhause. Letztens hat Saqib (unglaublich gut) für uns gekocht und wir haben fünf Stunden lang in der Küche gesessen und einfach nur geredet und gelacht - das war echt einer der schönsten Abende überhaupt hier. Abgesehen davon hängt natürlich noch immer Problem Nummer 1 in ganz Großbritannien als dunkle Wolke über dem Haussegen: Hygiene. Vor kurzem habe ich Großputz im Haus gemacht und mir sogar den Ofen des Grauens vorgenommen. Meiner Meinung nach verdiene ich dafür einen Pokal. Aber Spaß beiseite, ich bin superfroh, dass ich in dieses Haus ziehen konnte und meine komische WG von vorher verlassen konnte.

Mein Zimmer (fast ordentlich)durch den Kamin weht übrigens Winddas einzige Klo hier, das ich freiwillig benutzedie Küche

Meine Zeit hier neigt sich dem Ende zu, und ich bin hin und hergerissen. Einerseits freue ich mich schon sehr auf Deutschland. Die Zeit über Weihnachten zuhause hat mir wirklich gut getan und meine Liebsten fehlen mir natürlich ein bisschen. Aber andererseits habe ich jetzt erst das Gefühl, dass es richtig für mich losgeht: Von den deutschen Mädels sind Sausan, Angelika und ich geblieben, und dementsprechend musste ich mich natürlich ein bisschen mehr um neue Kontakte kümmern. Darum habe ich mich, nachdem Abi und Reneé, zwei meiner Studentinnen, mich dazu angespornt haben, beim Cheerleading angemeldet. Dann trinke ich noch mit meiner Studentin Mayka regelmäßig Kaffee und war letztens auch mal mit einigen aus meinem Deutschkurs aus. Das klingt vielleicht etwas komisch, dass ich mit meinen eigenen Studenten rumhänge, aber ich gebe ja keine Noten und sie sind alle mehr oder weniger in meinem Alter, von daher geht das klar. Außerdem habe ich in der German Society das Pärchen Lili aus Ungarn und Jira (ich habe keinen Plan, wie man das ausspricht, also nenne ich ihn George) aus Tschechien kennengelernt, die mir unheimlich ans Herz gewachsen sind. Nebenbei habe ich mich noch im Fitnessstudio angemeldet und bin unter der Woche fast jeden Tag beim Sport, und das tut einfach echt gut. Ich habe diesen Teil des Semesters ziemlich viel frei, weil ich keine Kurse gewählt habe und meine Arbeitsstunden nur auf zwei Tage fallen. Am Anfang war ich ziemlich skeptisch, ob ich mich nicht langweilen würde, aber ehrlich gesagt genieße ich einfach diesen mega entspannten Stundenplan - in Paderborn werde ich nächstes Semester mit der Summe an Kursen eh wieder kurz vorm Burnout stehen, so wie ich mich kenne. Auch das Unterrichten macht mir sehr viel Spaß, weil die meisten meiner Studenten sich mittlerweile ziemlich gut vorbereiten und eigentlich alle sehr aktiv mitarbeiten. Und ich habe das Gefühl, dass ihnen der Unterricht auch gefällt, was ja am allerwichtigsten ist. Meine Deutschbabies und die Uni mit ihren Societies, Events und Menschen werden mir auf jeden Fall sehr fehlen, wenn das alles hier vorbei ist.

Meine nächsten Wochen sind ziemlich straff geplant: nächste Woche fahre ich für 6 Tage mit Angelika nach Schottland, direkt im Anschluss kommen meine Schwester und ihr Freund und direkt nach denen kommt dann auch noch meine Mitbewohnerin zu Besuch - ok während ich das hier schreibe fällt mir gerade auf, dass das echt ein ganz schön üppiges Programm ist. Naja, ich werde es überstehen und ich freue mich natürlich auch schon auf alles. Ich hatte eigentlich noch so viel geplant bis Ende März, aber finanziell und zeitlich schaffe ich das kaum noch. Außerdem möchte ich einfach meine Zeit in Birmingham genießen und mit meinen neuen Freunden und natürlich Sausi und Angelika verbringen. Tja, das war's erstmal soweit zu meinem Alltagsleben hier.

 

Bis bald,

Julia smile    

 

Bald ist Weihnachten!

Sonntag, 03.12.2017

Ihr Lieben,

ein kurzes Update, was mein Leben hier betrifft. Das Wichtigste zuerst: Madame Hachenberg hat mal wieder Wohnungsprobleme und zieht im Januar in eine andere Wohnung. Ja, am Anfang fand ich alles gut und schön, aber mittlerweile kann ich meine WG einfach nicht mehr leiden. Mit den Jungs komme ich einmal aus persönlichen Gründen, die ich hier nicht öffentlich aufschreiben muss, und vor allem aber auch aus hygienischen Gründen nicht klar. Deswegen ziehe ich in Farinas Wohnung, weil sie schon im Dezember geht - dort werde ich mit Studenten in meinem Alter zusammenleben und zahle sogar 100 Pfund weniger Miete, juhu!

Ich liebe meine Studenten. Die Arbeit macht mir wirklich viel Spaß und ich bin total zufrieden. Gut, um ehrlich zu sein habe ich wirklich nicht wahnsinnig viel zu tun: Da ich im Gegensatz zu den beiden anderen Teaching-Assistans noch mitten im Bachelor bin, darf ich noch keine eigenen Kurse so richtig unterrichten und bin "nur" ein begleitender Kurs und habe dementsprechend sehr viel weniger Arbeit zu erledigen. Aber das, was ich mache, macht mir wirklich Spaß.

Wir haben ein Viertel gefunden, das mir wirklich sehr gut gefällt: Digbeth. Das ist ein Kunstviertel mit einigen eigenständigen Läden und alternativen Einflüssen. Letztens war dort ein Etsy-Market, wo kleine Stände in einer kleinen Markthalle standen und handgemachte Sachen verkauft hat. Ich habe mir dort zwei paar Ohrringe geholt.

Etsy Market in Digbeth

Nicht zu glauben, dass ich in nichtmal drei Wochen schon wieder zuhause bin, zumindest für drei Wochen. Die Briten sind schon seit Ende Oktober total wild auf Weihnachten. Mittlerweile ist es hier auch wirklich sehr kalt geworden, und ich schwelge in Wintergefühlen. Hier in Birmingham ist übrigens der größte Deutsche Weihnachtsmarkt Englands. Selbstverständlich ist alles völlig überteuert, und als Deutsche muss ich natürlich betonen: Nichts kommt an das Original heran. Also ohne Witz, ein Glühwein kostet hier £4,50 und ist sooo winzig! Und schmeckt nach Kinderpunsch. Sauerei.Trotzdem war ich schon einige Male dort und hab mir die ein oder andere Kleinigkeit gegönnt.

Ein Riesenproblem ist tatsächlich geworden: England ist einfach teuer. Ende November hatte ich für fast zwei Wochen kein Bargeld, das war grässlich! Natürlich ist das ganze Reisen teuer und man wird hier echt quasi zum Konsum angekurbelt - es gibt viel zu viele Dinge zu kaufen, und plötzlich will man alles haben. Das ist echt interessant, denn in Paderborn war das bei mir nie so extrem. Aber hier, wo du von schönen Dingen und Leuten umgeben bist, musst du auch plötzlich bei allem dabei sein. Aber an alle, die interessiert sind: Das Erasmus-Geld reicht nie im Leben aus. Never. Ich kann mit meinem Gehalt (und ich bekomme ja sogar mehr, weil ich Praktikantin bin) gerade mal Miete und zwei bis drei Essenseinkäufe decken. Das ganze teure Drumherum musst du schön selbst finanzieren. Ich rechne schon gar nicht mehr um, wie viel Geld ich für einen Kaffee ausgebe - mein armes Herz verträgt das nicht.

Ich muss sagen, dass ich mich sehr auf Zuhause freue. Drei Wochen nicht in der Dusche frieren und normale Wohnzustände genießen, mit meinen Liebsten rumzudaddeln und nicht pleite zu sein - herrlich. Andererseits bin ich froh, dass ich danach noch bis März wieder zurückkomme, denn mal ganz ehrlich: Drei Monate vergehen wie nichts. Und man hat sich doch gerade irgendwie erst an das Leben und die Stadt gewöhnt. Ich wäre noch nicht bereit, das Land so abrupt wieder zu verlassen. Außerdem habe ich auch noch einige Reisepläne für's nächste Jahr!

Bis bald,

Julia smile

Stadt #1: Manchester

Donnerstag, 30.11.2017

Hi ihr Lieben,

jaaaaaaaaah ich bin mal wieder ziemlich hinterher mit der Zeit. Zu meiner Verteidigung hatte ich Ende Oktober und Anfang November auch wirklich alle Hände voll zu tun: Da hatte ich zwei Wochen hintereinander einmal Besuch von meiner Mama und meinem Bruder, und die Woche danach sofort von meinem Freund - heißt Uni, Arbeit, Besuch und mein eigenes Rumgedaddel unter einen Hut zu kriegen. Das war ziemlich anstrengend, zumal ich nach dem Besuch sofort eine Abgabe für einen Englischkurs hatte und natürlich noch meine eigenen Kurse Hals über Kopf vorbereiten musste. UND: Mein Handy hat ALLE meine Fotos gelöscht. Alle. Darum musste ich erstmal trauern. Und danach... zugegeben, pure Faulheit. Aber ich habe natürlich viel zu berichten. Denn in den letzten Wochen habe ich endlich das gemacht, was ich mir hier am meisten vorgenommen habe: Reisen.

Mein erster Trip ist nun schon ein Weilchen her: Am Samstag, den 14. Oktober, fuhren Sausan, Audrey, Farina und ich mit dem Reisebus nach Manchester. Reisebus zu fahren ist hier - welch Überraschung - am günstigsten (wen's interessiert: Nationalexpress und Megabus, wobei Megabus meistens billiger ist und meistens weniger Zeit braucht, Nationalexpress dafür aber mehr Reiseziele anfährt). Die Anreise nach Manchester war schon ein kleines Abenteuer: Unser Busfahrer dachte, er könne unter einer Brücke herfahren und musste dann feststellen, dass der Bus leider zu groß war. Die Konsequenz: Wir mussten für fast eine halbe Stunde (!) rückwärts eine Hauptstraße und dann durch eine Familiensiedlung fahren. Das war schon ziemlich abenteuerlich mit dem Verkehr, und natürlich mussten wir dann auch noch eine komplett andere Route fahren. Dementsprechend kamen wir ziemlich verspätet in Manchester an und hatten so einen Hunger, dass wir uns erstmal auf ein billiges chinesisches All you can Eat-Buffet in Manchesters China-Town stürzen mussten, bevor wir uns auf den Weg in die Innenstadt machten. Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, zu beurteilen, ob Manchester eine coolere Stadt als Birmingham ist, denn schließlich bekommt man nur einen kurzen und oberflächlichen Eindruck innerhalb von ein paar Stunden vermittelt. Dieser Eindruck gab aber ehrlich gesagt schon eher ein 1:0 für Manchester gegen Birmingham heraus. Manchester ist eine sehr schöne, große Stadt mit vielen riesigen, alten Gebäuden. Direkt an der beeindruckenden Town Hall war ein Markt mit verschiedenen Essensständen (ich glaube, es war irgendein kulturelles Event mit asiatischen Einflüssen) und Live-Musik. Unser erstes Ziel war ein Primark, weil Sausi im Bus so kalt geworden war und sie einen Pulli kaufen wollte. Also steuerten wir die - wie jede Großstadt an jedem Wochenende - überfüllte Einkaufsstraße an und ließen uns auch dort von verschiedenen Straßenmusikern und Werbung für allen möglichen Bums berieseln.

Manchester Town HallManchester Art Gallery

Da niemand von uns wirklich einen Plan hatte, was wir so sehen wollten, schlug ich die John Rylands Library vor - eine wunderschöne, alte Bibliothek, die - wie so vieles hier in England - absolute Hogwartsfeelings in einem hervorruft. Die große Halle voller alter Bücher war schon wirklich sehr beeindruckend, das hat sich also wirklich gelohnt. Danach steuerten wir das Northern Quarter mit seinen kleinen, hübschen Cafés und Pubs und Independent Stores an - das fehlt mir echt in Birmingham, diese kleinen, individuellen Lädchen. Hauptsächlich ließen wir uns den Tag über einfach von der Stadt treiben. Später sind wir noch auf ein Parkhausdach gegangen und haben von dort oben die Stadt fotographiert, bis wir von einem Arbeiter dort leider recht schnell wieder runtergeschickt wurden. Gegen abend setzten wir uns dann noch draußen an eine überfüllte Bar und schlürften ein paar Drinks, bis wir uns auf den Weg zurück zur Busstation machten.

John Rylands LibraryManchester von oben

 

Ungefähr einen Monat später war ich mit Farina am 30. November noch einmal in Manchester - diesmal für ein Konzert von dem Künstler Nahko. Zuvor hatten wir versucht, bei Couchsurfing eine Unterkunft zu bekommen - leider haben sich nur ein Iraner, der uns als Alternative zu Manchester einen Trip in den Iran vorgeschlagen hat, und ein älterer Mann, der mit uns feiern gehen wollte, gemeldet. Also mussten wir leider nachts nach dem Konzert wieder nach Birmingham fahren. Unser Bus war leider schon wieder zu spät, weshalb wir fast eine Stunde weniger Zeit hatten, um noch ein bisschen durch die Stadt zu laufen. Unsere Vorstellung vom genießen der Stadt und des Weihnachtsmarkts ist leider auch nicht so ganz wahr geworden: Ich hatte ein Paket dabei, das ich eigentlich noch in Birmingham hatte abschicken wollen, es aber nicht zeitlich geschafft hatte. Also überlegten wir uns, dass wir einfach in Manchester eine Hermes-Station suchen und es dort verschicken würden. So verbrachten wir ca. eine halbe Stunde mit der Suche nach einem Hermes-Shop und waren auch überzeugt, dass Google Maps uns zu unserem Ziel führen würde. Im Endeffekt standen wir dann mit dem Paket neben einem schicken Türsteher im Markenladen Hermès - heißt, das Paket musste mit auf's Konzert. Wenigstens kann ich sagen, dass es ein sehr bereistes Paket ist und sehr gute Musik gehört hat. Auch der Weihnachtsmarkt war zwar wunderschön, aber leider zu teuer und es war eisig kalt an diesem Abend. Alternativ haben wir uns dann ganz vornehm zu McDonalds begeben. Danach sind wir marathonartig für eine halbe Stunde durch die Stadt zur Manchester University gelaufen, wo das Konzert stattfand. Die Stadt war auch im Dunkeln übrigens wirklich toll - zur Weihnachtszeit legen sich natürlich alle Geschäfte und die Stadt mächtig ins Zeug: Die Stadt war wunderschön geschmückt, überall waren Live-Musik und Leute, das Nachtleben war ordentlich im Gange. Kurz vor dem Konzert schrieb mich dann noch ein polnisches Mädchen namens Natalia, welche in Schottland studiert, auf der CouchSurfing App an, die auch zu dem Konzert ging. Mit der trafen wir uns dort einfach spontan und verbrachten gemeinsam den Abend. Das Konzert an sich war super - die Vorband "Sound of Sirens" bestand aus zwei Mädels und hatte zwar leider ziemlich starke technische Probleme auf der Bühne, aber waren trotzdem sehr beeindruckend. Und Nahko erst - woaaaaah! Der hat mich echt umgehauen. Superbegabte Musiker auf der Bühne, und der Kerl hatte echt etwas wahnsinnig spirituelles und inspirierendes ansich. Wirklich genial.

Manchester Christmas Market

Nach dem Konzert fuhren Farina und ich dann wieder nach Birmingham und kamen so gegen 2:30 Uhr an der Coach Station an. Dort fragte Farina ganz spontan einen anderen Mitfahrer, ob er zufällig in unsere Richtung fahren würde - der gab sich bereit, uns mit ins Taxi zu nehmen und die Fahrt zu spendieren, richtig cool!

Also Leute: Manchester ist eine sehr schöne, lohnenswerte Stadt. Ich hätte gern eine Nacht dort übernachtet und mir mehr Zeit genommen, aber auch in diesen kurzen Zeiträumen haben mir die Trips dorthin sehr gut gefallen.

Cheers,

Julia smile    

schon über einen Monat in Birmingham

Donnerstag, 12.10.2017

Hallihallo,

da bin ich mal wieder - etwas spät, ich weiß. Als ich den Eintrag angefangen habe, war ich ziemlich entspannt und es gab noch nicht viel zu berichten, aber in den letzten Tagen ist nun doch einiges passiert und ich bin nicht wirklich zum schreiben gekommen. Ich erzähle euch einfach mal nach und nach von meinen letzten Wochen hier und dem Alltag in der Uni als Studentin und Teaching-Assistant. Jetzt bin ich schon fast zwei Monate hier und die Zeit verfliegt echt regelrecht!

Eine der aufregensten Mitteilungen aus den letzten paar Wochen ist, dass ich mir mein erstes Piercing habe stechen lassen - yay! Ja, das ist das spannenste, was ich bisher in Birmingham getan habe. Das muss sich echt dringend ändern, ich muss diese Stadt unbedingt mehr erkunden. An sich liebe ich Birmingham aber wirklich, und auch die Mädels, mit denen ich hier bin. Ich liebe es, dass man theoretisch immer irgendwohin kann, wo etwas los ist, und dass wir (noch) so viel Zeit für uns haben. Vorletzten Sonntag waren wir im Museum & Artgallery of Birmingham. Der Eintritt ist kostenlos und die Ausstellung ist auf jeden Fall schön und lohnenswert für Kunstinteressierte. Neben den verschiedenen Religionen, Kulturen und (wie in irgendwie fast jedem Museum) dem alten Ägypten wurde auch die Geschichte Birminghams vorgestellt und erklärt. Das war auf jeden Fall interessant und man kann sich dort ganz gut die Zeit vertreiben. Ich mochte vor allem die hohen Wände, und jeder Raum war in anderen Farben gestrichen - schön bunt. In dem Museum selbst gibt es ein sehr hübsches Café, wo wir uns eigentlich Cream Tea bestellen wollten, aber letztendlich alle bei Kürbissuppe gelandet sind. Tatsächlich haben wir  erst diese Woche zufällig ein Cream Tea in der Boston Tea Party gefunden, das günstig und dabei echt üppig ist - und sooo gut! Ich bin generell etwas verstört darüber, dass wir (bis auf Snacks und Kaffee) noch gar nicht richtig außerhalb essen gegangen sind - das ist normalerweise das allererste, das ich im Ausland tue. Ansonsten waren wir tatsächlich nur abends mal in ein paar Bars, bei wem Zuhause, Kaffee trinken... ich mache nicht viel hier und trotzdem fliegt mir das Geld gefühlt zum Fenster raus. England ist SO TEUER. Ich habe jetzt den Markt für mich entdeckt, wo mir Obst und Gemüse für ein paar Cents an den Kopf geworfen werden - ist wahrscheinlich kein besonders frischer Anbau und die Äpfel waren der absolute flop, aber ich bin froh, wenn ich irgendwo sparen kann.

der Touri-MussCream Tea ArtgalleryArtgallery2

Tatsächlich bin ich hier fast jeden Abend unterwegs. Da ich dem Aston Dance Club beigetreten bin, habe ich Montagabends HipHop- und Donnerstagabends Contemporary-Training, und das macht mir echt Spaß. Dazu kommt noch deren Society-Treffen am Mittwochabend. Da war ich bisher nur einmal, und es war zwar witzig, aber auch echt strange. Sausan und ich dachten, dass wir da einfach Leute kennenlernen und chillen würden, aber es war eher eine Runde, in der die Gruppenleiterin uns Trinkspiele vorgegeben hat, die wir artig gespielt haben, und danach alle in den Club gegangen sind. Es hat schon Spaß gemacht, aber es war halt auch irgendwie etwas gezwungen und keine Ahnung, ein bisschen wie in den klischee Highschool-Filmen. Trotzdem habe ich dort ein französisches Mädchen, Lara, kennengelernt, mit der ich mich ganz gut verstehe. Nach dem Tanztraining am Donnerstag gehe ich noch zur German Society in einen Pub am Campus, Sack of Potatoes. Erst hatte ich da überhaupt kein Interesse dran, weil ich dachte, dass wir da nur Deutsche kennenlernen würden und ich nicht noch mehr Deutsch hier sprechen wollte, als ich es eh schon tue. Tatsächlich spricht der Großteil der Leute dort aber überhaupt kein oder nur wenig Deutsch. Einige lernen Deutsch, andere interessiert Deutschland einfach, wieder andere haben überhaupt nichts damit am Hut und sind nur wegen ihren Freunden da. Das ist eine echt supernette Truppe und es ist total schön, sich nach dem Training einfach auf ein Bierchen zu treffen und zu quatschen, bis man dann nach Hause fahren will. Außerdem bin ich noch für 4 Pounds der Live Music Society beigetreten, um meine Musikbedürfnisse hier zu stillen. Haha. Bei der Einführungswoche haben sie mich damit gelockt, dass sie einen richtig guten Practiceroom und ein richtig cooles Klavier hätten. Tja, stellt sich heraus, dass der Raum zwar ok ist, das coole Klavier aber ohne Anschluss und Pedal in der Ecke steht und alles, worauf ich spielen kann, ein Kinder-Keyboard ist. Yeeeah. Vielleicht sollte ich mich doch dem Chor hier anschließen.

Oh, Miriam hatte am 3. Oktober Geburtstag, das war schön. Wir sind am Vorabend zu ihr gefahren und haben da einfach eine ganz gemütliche Runde zusammen gehabt, mit Bier und Snacks. Eigentlich wollten wir ausgehen, aber irgendwie konnten wir uns nicht wirklich aus den Sofas schälen. Gegen 23:59 Uhr verließ ich dann unter einigen irritierten Blicken das Wohnzimmer, um pünktlich um 00:00 Uhr mit Miriams Familie zurückzukehren, die extra als Überraschung nach Birmingham geflogen ist - richtig süß. ♥ Wir saßen dann alle bis ca 3 Uhr nachts oder so bei ihr, bis wir dann irgendwann alle mit einem Uber nach Hause gefahren sind.

Soweit zu meinem Alltagsleben hier. Mein Unileben als Studentin ist seeeeeeeehr entspannt, denn ich habe sage und schreibe nur zwei Kurse. Das Niveau hier ist extrem niedrig im Vergleich zu dem, was wir aus der UPB gewohnt sind. Deswegen verstehe ich jetzt auch, wieso sich die Dozenten immer so schwer tun mit dem Anrechnen von Leistungen. In den wenigen Kursen, die ich habe, langweilen wir uns eigentlich meist einfach nur oder planen Wochenenden und Trips, die wir machen wollen. Böse böse. Jetzt zum Ende des Monats müssen wir aber doch schon einige Aufgaben erledigen, die etwas abverlangen - ausgerechnet zu der Zeit, wo mir meine Familie und mein Freund Besuche abstatten.

Was meine Kurse als Teaching-Assistant angeht, bin ich eigentlich ganz zufrieden. Die Arbeit ist relativ stressfrei und die Studenten sind alle ganz süß. Ich habe drei Kurse: Zweimal die Woche habe ich die "Beginners", die schon ganz gute Grundkenntnisse haben und mit denen ich auch schon ganz gut auf Deutsch diskutieren und reden kann. Die Themen zu den Stunden sind mir jede Woche vorgegeben, und anhand dieser bereite ich die 50 Minuten vor. Meine Aufgabe ist es, die praktische Anwendung von Sprache mit den Studenten zu üben und sie dazu zu bringen, auf Deutsch zu sprechen. Wenn ein Wunder geschieht und sich alle die Materialien, die ich ihnen hochlade, auch wirklich anschauen, funktioniert das tatsächlich ganz gut und macht sogar Spaß. Bei einigen könnte ich mich teilweise echt aufregen, weil die mit so einer ätzenden Attitüde in den Kurs kommen und sich nie vorbereiten, dann aber meckern, dass sie die Themen nicht verstehen. Aber wenn man dann mal eine Stunde hatte, wo alle einigermaßen fit waren und Bock hatten, ist das tatsächlich ein ziemliches Hochgefühl. Dann habe ich noch die "Ab Initios", mit denen ich noch großteils Englisch spreche und nur grundlegende grammatikalische Strukturen und Vokabular lehre. Der Kurs besteht nur aus 2 Personen (die anderen bestehen aus jeweils 6) - es ist also wirklich ein sehr entspanntes Verhältnis im Seminarraum. Alle Studenten sind in meinem Alter oder jünger, deswegen ist die Atmosphäre echt locker und wir können uns auch problemlos mal über die ein oder andere Party am Wochenende unterhalten. In meiner zweistündigen Office Hour am Donnerstag kommt normalerweise eh kein Schwein, deswegen bereite ich da meistens die Stunden für nächste Woche vor oder öddel andersweitig vor mich hin. Im Großen und Ganzen überarbeite ich mich hier also noch nicht und genieße es einfach, mal keinen Tinitus vor Stress zu bekommen. Nächstes Jahr sind auch meine Kurse als Studentin bereits vorbei, deswegen werde ich da wahrscheinlich freiwillig an eine britische Schule gehen und aushelfen - momentan ist das zeitlich dann doch etwas schwierig, weil die Anfahrtszeiten ziemlich lang sind.

Letzten  Mittwoch wurde ich von meiner Tutorin Claudia geprüft, und zu meinem Ärger haben sich meine Studenten - obwohl ich ihnen noch extra die Woche vorher gesagt hatte + eine Mail geschrieben habe, dass wir beobachtet werden - die Materialien nicht angeschaut. Damit habe ich in der Diskussionsrunde mehr oder weniger einen Monolog gehalten und die Stunde ist in meinen Augen nicht besonders fantastisch abgelaufen. Im Endeffekt war Claudia aber recht zufrieden mit meinen Aufgaben und der Aktivität der Studenten, ich sollte bloß nicht sooo viel Gesprächigkeit von den Firsties erwarten. Ich bin aber auf jeden Fall froh, dass sie die Stunde an sich gut fand.

Letzten Samstag waren Sausi, Farina, Audrey und ich in Manchester, aber davon berichte ich in meinem nächsten Eintrag (der hoffentlich recht bald folgt).

Bis dann, Julia smile

P.S.: Ich hab so Bock auf Weihnachten das ist schon echt abnormal. ♥

P.P.S.: Tut mir leid, dass einige Bilder nicht so die überragende Qualität haben - ich hoffe auf eine bessere Kamera, die Mama mir mitbringt.

Zwei Wochen Später

Samstag, 23.09.2017

        Die erste Woche ist extrem schnell rumgegangen, und es war eine der besten Wochen seit langem. Vor meiner Abreise hatte ich gefühlt nur Stress von allen Seiten, wie das immer so ist vor einem längeren Aufenthalt: Uni hier, Freizeitstress da, du willst mit jedem noch etwas Unternehmen und jeden sehen und kannst es nicht, Vorbereitungen für’s Ausland, Heulattacke hier und da… Unsere erste Woche hier waren wir so dermaßen entspannt drauf, das kannte ich überhaupt nicht mehr. Die meiste Zeit habe ich einfach im Bett rumgelümmelt, gelesen, am PC gehockt, Serien geguckt und am Blog geschrieben, wir sind durch die Stadt gebummelt ohne wirkliches Ziel (bis auf die Wohnungssuche natürlich) – und das alles komplett ohne Druck und Stress. Gott sei Dank sind weder Miri noch ich die Art von „wir müssen den Tag nutzen“-Touris und haben die Zeit, die wir noch nichts zu tun hatten, einfach genossen und spontan genutzt. Letzte Woche sind Miriam und ich wie gesagt einfach viel ziellos durch die Gegend gelaufen und haben die Stadt auf uns wirken lassen. Den Großteil unserer gemeinsamen Zeit haben wir ehrlich gesagt im Supermarkt und mit dem Gedanken verbracht, was wir so gedenken zu essen. Wir waren wir sogar am Edgbaston Reservoir, einem (sehr erbärmlichen) See, und im Summerfield Park in der Nähe von Miriam joggen! Für mich ist das auf jeden Fall eine Leistung, wenn ich mich zum Joggen bewegen kann. Die Abende über sitze ich meistens mit mindestens ein oder zwei Jungs aus meiner WG am Tisch und wir quatschen über dies und jenes. Insgesamt war also alles sehr entspannt und ich bin – bis auf die mangelnde Hygiene im Haus – ziemlich zufrieden.

 das erste GönnenBärminghamdie modernen Seiten

               Birmingham ist in ihrem Kern eine sehr schöne und kontrastreiche, wenn auch etwas langweilige Stadt, was die Attraktionen anbelangt. In der Innenstadt trifft Altbau regelmäßig auf supermoderne Gebäude, und das ist wirklich spannend und interessant anzusehen. Wir steigen immer bei der Colmore Row aus, das ist quasi das Zentrum der Stadt, zu dem man eigentlich immer irgendwie zurückfindet und von wo man sich aus meiner Meinung nach am besten orientieren kann. Bis zur Uni brauche ich von da aus ca. 15 Minuten, ich habe noch nicht den besten Weg für mich gefunden. Ich weiß nicht, ob es immer so ist oder ob das nur ein momentaner Trend ist, aber in der gesamten Stadt sind Bärenskulpturen in verschiedenen Kunstauffassungen aufgestellt, was ich sehr süß finde. Normalerweise mag ich sinnlosen Souvenirschnickschnack, der nur rumsteht und zustaubt, nicht so, aber wenn ich so einen Bären als Minifigur günstig irgendwo finde, dann kommt er mit nach Deutschland. Leider streikt hier momentan die Müllabfuhr, weshalb sich überall Müll türmt und die Schönheit in ihrem Bild etwas ruiniert. Das Wetter hier ist momentan eine einzige Achterbahn der Gefühle. Mal ist es richtig warm in der Sonne, dann nieselt es plötzlich ganz unangenehm und wird kalt, dann stürmt es auf einmal und schüttet wie aus Eimern, dann wird es wieder warm – und das alles im Laufe eines einzigen Tages. Oh, wir waren auch in der Bibliothek, eine der wenigen Hauptattraktionen Birminghams. Die ist von innen echt ziemlich cool: Nach oben hin ist das Gebäude kreisförmig aufgebaut, sodass man quasi von Büchern umringt ist, und die Lichterketten verbreiten schon fast eine weihnachtliche Stimmung. Es gibt zwei Dachterrassen auf verschiedenen Etagen, wo kleine hübsche Gärten angebaut sind und man einen Blick auf die Skyline von Birmingham hat. Natürlich kann ich euch diesen atemberaubenden Anblick von Baustelle an Baustelle nicht verwehren.

die Bibliothek von Innendie wunderschöne Skylinedas Rathaus

                Am Donnerstag und Freitag (14. Und 15. September) sind die anderen Mädels aus Paderborn angereist und wir sind alle zusammen schon am Freitag zur sogenannten „Face to Face Enrolment“ gegangen. Dort haben wir unsere Student-IDs bekommen und wurden kurz alle einzeln durchgecheckt, ob wir auch tatsächlich wir waren. Am Abend darauf gingen wir dann alle zusammen mit einigen Mitbewohnern von Rabea und Farina auf die Welcome-Party für Freshers, der Begriff für Erstis in England. An sich war die Party ganz gut, aber so notgeile Menschen wie dort sind mir schon lange nicht mehr begegnet und teilweise waren die Kerle da echt ekelhaft. Es war also nicht verkehrt, dass der ganze Spaß gegen 3 Uhr morgens endete und Miri und ich mit einem Uber nach Hause fuhren.

                Am Montag hatten wir dann eine Einführungssitzung in der Uni in einem hübschen Vorlesungssaal mit mega bequemen Stühlen – da kann sich die UPB aber eine Scheibe abschneiden. Besonders informativ war es allerdings nicht, denn größtenteils erläuterten die Dozenten und Dozentinnen nur, wie sich Uni und Schule unterscheiden. Das war nicht wirklich etwas neues für uns, aber naja. Allerdings bietet die Uni im Gegensatz zu dem, was ich aus Deutschland kenne, extrem viel direkte Unterstützung und Programme für Studenten an. Zum Beispiel ist jeder von uns einem Tutor fest zugeteilt (natürlich hat der- oder diejenige mehrere Studenten, aber immerhin), bei dem wir unsere Fragen und Probleme loswerden können, wenn wir wollen. Generell ist die Unterstützung hier glaube ich einfach aus dem Grund größer bzw. wird mehr angeprangert, weil Studieren hier sehr viel teurer und demnach auch nicht so selbstverständlich ist wie in Deutschland. Was ich allerdings an dem deutschen Einführungssystem deutlich lieber mag, ist dass wir Erstis-Gruppen zugeteilt bekommen und dort sowohl Leute kennenlernen als auch direkt alle Fragen zu zum Beispiel den Online-Accounts etc. stellen können.

                Abends haben wir uns in einem Pub in der Student Union direkt auf dem Campus getroffen und wollten eigentlich einfach nur ganz entspannt beisammen sitzen und vor allem nicht so viel Geld loswerden. Tja, am Ende habe ich £30 ausgegeben, denn wir schlossen uns spontan dem sogenannten „Barcrawling“ an, wo wir für £15 mit weißen Teilnahme-T-Shirts und viel zu viel Zeug wie Jacken und Taschen auf Trips zu verschiedenen Bars zogen und am Ende in dem Club Pryzm landeten. So. Ein. Cooler. Club! Wir sind da reingegangen und es gab ohne Witz wie am Flughafen eine Sicherheitskontrolle mit Metalldetektoren. Also wirklich diese Rahmen durch die man durchgehen muss und die piepen, wenn du etwas Metallenes an dir hast. Das fand ich echt abgefahren. Wir mussten auch unsere Persos einscannen lassen und unsere Bilder wurden durch eine Kamera mit unserem Gesicht verglichen und dann gespeichert – whaaat. Der Club hinter diesen Checks war einfach so genial. Der Mainfloor heißt „Zoo“ und es hängen überall irgendwelche (natürlich unechten) riesigen Tierköpfe von der Decke, und zwischendurch wurden aufblasbare Affen und Elefanten durch die Menge geworfen. Der Club hat angeblich 7 Floors, die wir nicht alle gefunden haben, weil man sich da drin echt verlaufen konnte: Du wolltest aufs Klo und standst plötzlich auf dem Schlager-Floor. Wir haben uns auch zwischendurch alle verloren, aber Miri, Rabea, Verena aus Österreich und ich waren mehr oder weniger die gesamte Zeit zusammen. Es war leider dermaßen laut dort, dass meine Ohren noch bis zur nächsten Nacht geklingelt haben, und die Klimaanlage ist so stark angewesen, dass mir zwischendurch echt kalt war und ich mich folglich, da ich sehr empfindlich darauf reagiere, schon am nächsten Morgen merkte, dass ich krank wurde. Aber gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Also, wer in Birmingham richtig gut feiern will: Pryzm ist in jedem Falle die richtige Adresse.

                Am Mittwoch und Donnerstag habe ich dann noch Angelika, die mit Sausan und mir die Teaching-Assistantship macht, und die Leiter der German-Abteilung (ich nenne es mal einfach so) kennengelernt. Unser Büro ist sehr hässlich und im 10. Stock, aber hey, immerhin ein eigenes Büro! Wir wurden direkt mit extrem vielen Informationen bombardiert, aber wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich nicht besonders viel mitgenommen. Erstens ging’s mir leider echt nicht gut und ich konnte mich kaum konzentrieren, und zweitens war alles noch dermaßen unorganisiert, sodass ich erst am Freitag mehr oder weniger wusste, was ich überhaupt zu tun habe. Meinen Stundenplan für die Uni habe ich auch schon und ich habe jetzt schon recht viele Termine, also werde ich wohl ein oder zwei Sachen streichen müssen, wenn ich auch noch tanzen und Musik machen will. Außerdem gibt es noch ein Programm, wo man sich freiwillig an einer britischen Schule engagieren kann… aaah ich weiß, ich darf mich nicht so mit Terminen zuhämmern, aber das fände ich soooo interessant und cool! Wir werden sehen.

unser Büro

Am Freitag wurde uns dann das Klischee-Unileben auf dem Silbertablett aufgeführt: Es gibt hier so unglaublich viele Angebote von Societies und Clubs, dass uns fast die Augen aus dem Kopf gefallen sind. Auf dem ganzen Campus wurden die verschiedenen Angebote an allen möglichen Ständen vorgestellt, wo allerlei Schnickschnack wie T-Shirts, Kullis, Süßigkeiten und Kaffeebecher für Werbung verteilt wurde. Überall hampelten Cheerleader, Hockeyspieler, Tänzer aller Art, Maskottchen und was man sich sonst noch so vorstellt herum. Es gibt hier sogar eine Game of Thrones- und Harry Potter-Society, und natürlich auch nerdige Mathe- und Chemie-Societies und sowas – ich kam mir vor wie bei High School Musical. Ich werde wahrscheinlich der Live Music Society und dem Aston Dance Club beitreten und beten, dass ich mir nicht schon wieder zu viel Freizeitstress aufnehme. Ich liiiiiebe dieses Unileben! Wir alle waren echt neidisch, weil es sowas in Deutschland (zumindest in Paderborn) eben echt nicht gibt bzw. diese ganzen Möglichkeiten überhaupt nicht so offen, bunt und freundlich angeboten werden. Uns ist auch aufgefallen, dass wir noch nie mit Erasmus-Studenten in Deutschland in Kontakt gekommen sind und ihre Anwesenheit irgendwie bisher völlig an uns vorbeigezogen ist. Hier wird um die Studierenden und das Unileben viel mehr Brimborium gemacht, während man in Deutschland halt eher guckt, wo man bleibt. Das finde ich persönlich sehr schade, aber wat willste machen.

Stände für Societies und ClubsStände für Societies und Clubs

Diesen Montag geht’s los, sowohl mit Studium als auch mit der Arbeit, und ich bin echt schon ziemlich gespannt, was uns da erwartet. Also, ich melde mich!               

   Eure Julia 😊

einer der schönsten Abende hier

Wohnungssuche und Einleben

Donnerstag, 14.09.2017

Die ersten zwei Nächte hier habe ich wahrscheinlich wie ein Stein geschlafen, denn normalerweise wache ich bei jeder Pillepalle auf. Jetzt, wo wir seit 6 Tagen hier sind, wird mein Schlaf schon sehr viel unruhiger, weil das Haus extrem hellhörig ist und man die Treppen hier absolut nicht leise heruntergehen kann, egal, wie sehr man sich bemüht. Wahrscheinlich ist das einfach Gewöhnungssache. Ich muss mich hier trotzdem direkt ein bisschen auskotzen: Das Haus ist zwar echt toll, aber es ist so. dreckig. Also wirklich. Ich weiß, dass Hygiene hier in den Studenten-WGs wohl generell nicht großgeschrieben wird, aber… bah. Ich bin heute in die Klischee-Rolle der Frau geschlüpft und habe erstmal alle Badezimmer bzw. Klos und die Küche zumindest grundlegend geputzt. Staubsaugen habe ich für heute erstmal aufgegeben, denn ich begreife das Ding nicht, und ich glaube, wenn ich hier wische, kriege ich einen Nervenzusammenbruch. Es war mir schon immer ein Rätsel, was Leute gegen Sauberkeit haben. Wer mich kennt, weiß, dass ich echt kein mega anspruchsvoller Mensch bin. Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass ich in einer WG lebe, und ich habe auch schon die ein oder andere Dreckssau erlebt. Ein bisschen Dreck ist ja auch nicht schlimm, aber DAS HIER überschreitet echt alles. Ich weiß nicht, wie viel Geschichte der Menschheit ich heute allein in den Bädern weggeputzt habe, und ich glaube, ich will es auch nicht wissen. Ich habe auch null Bock, hier die Putze zu spielen, aber wir haben keinen Putzplan und ich will auch ungern diejenige sein, die hier einzieht und meint, Regeln aufstellen zu müssen. Nur noch drei Monate in diesem Dreck, dann ist Weihnachten und ich gehe nach Hause. Nirgendwo ohne Hausschuhe hintreten, das ist die Kunst. Und dann nochmal drei Monate nach Silvester, mein Gott. Wird man doch hinkriegen. Ich vermisse jetzt schon meine WG Zuhause, bwuääh.

Wie auch immer, die Jungs hier sind wirklich nett. Ich finde es sehr schade, dass Julien, der Franzose, am Sonntag auszieht und nach Belgien geht, denn es macht echt Spaß, sich mit ihm zu unterhalten und er ist sehr entspannt. Liam ist Brite und kommt tatsächlich aus der Partnerstadt von Paderborn, Bolton, weshalb er Paderborn kennt. Er ist auch erst vor einer Woche hergezogen und ist auch sehr freundlich und kommunikativ. Peter (ich glaube, dass er so heißt), ist in England geborener Asiate und ist schon in seinen 30ern und damit der Älteste in dieser WG. Zwar ist er die meiste Zeit nicht zu sehen, weil er relativ viel und lang arbeitet, aber er ist ein witziger Kerl und auch sehr nett. Und dann gibt’s wie gesagt noch Daniel, der glaube ich lieber etwas zurückgezogener lebt, aber auch sehr nett ist. Alles nett nett nett. Soweit zu meiner WG. Mein Vermieter wohnt direkt nebenan und ist auch echt entspannt drauf. Während Miri und ich nach einer Wohnung für sie geschaut haben, hat er uns alle Fragen zu den Orten und Wohnsituationen beantwortet, was ich echt nicht als selbstverständlich ansehe.

Was für eine perfekte Überleitung zur Wohnungssuche für Miriam. Bis Sonntag sind wir durch ganz Birmingham und Umgebung gegurkt, um nach einem Heim für meine liebe Freundin zu suchen. Ich hatte ja mit meiner Wohnung das Glück, dass der Teaching-Assistant, der vor mir an der Aston University gearbeitet hat, mir den Kontakt zu seinem Vermieter weitergegeben hat und ich die Wohnung damit quasi schon mit Garantie, dass ich nicht über den Tisch gezogen werde, in der Tasche hatte. Miriam hat sich – wie ich es ansonsten auch getan hätte – dazu entschieden, ihre Wohnung vor Ort zu suchen. Viele Leute hier wollen nämlich, dass man schon im Voraus eine gewisse Summe zahlt, bevor man überhaupt die Wohnung angeschaut hat, um sie zu reservieren. Da geht ganz schnell dein Geld flöten, also ist Vorsicht angesagt. Also schickten wir noch am Tag unserer Ankunft weitere Anfragen an Wohnungen ab und machten uns die nächsten Tage auf den Weg, um alle Angebote anzuschauen. Das war gar nicht so leicht, denn:

  1. Busfahren ist hier SO teuer (£2,40 pro Fahrt). Wir haben uns jetzt eine Wochenkarte für £17,50 geholt, und das ist wirklich weise investiertes Geld. Von meiner Wohnung aus brauche ich nämlich zu Fuß 45-50 Minuten in die Stadt, und die Viertel, wo wir hinmussten, waren teilweise noch weiter weg. Ich freue mich schon, wenn nächste Woche die Uni losgeht und wir einen Studenten-Buspass beantragen können.
  2. Apropos weit weg: Die Preise für Wohnungen hier sind auch saftig. Etwas nahe am Center zu bekommen, was unter £450 liegt, ist wirklich nicht leicht. Ich zahle £350 und habe damit echt Glück, denn der Bus braucht nur 10 Minuten ins Zentrum und die Haltestelle liegt quasi direkt vor meiner Haustür. Miriam und ich sind für einige Angebote wirklich mehr oder weniger an den A**** der Welt getingelt.

Erkundungstouren mit Miri

Was man da gesehen hat, war teilweise echt abenteuerlich. Ein Haus war komplett aufgerissen und unfertig, sollte aber angeblich am Montag fertig sein, und man konnte nicht mal sehen, wie es aussehen sollte, wenn man einzog. Und ganz ehrlich: Unfertige Küche + unfertige Bäder + unfertige Zimmer und dann noch £200 Reservierungsgebühren zahlen (das ist hier wohl so üblich) – einfach nein. In einer anderen Wohnung erwartete uns ein Kerl, der zwar nett war, aber dermaßen verpennt und mit einem Mundgeruch, der mich bis in meine Albträume verfolgt, in einer dermaßen dreckigen Umgebung, dass mein Zuhause dagegen strahlte. Eine andere Frau gab uns die falsche Adresse und wir standen plötzlich vor einer Mutter mit Kind, die eindeutig nichts zu vermieten hatte. In anderen Vierteln war vor kurzem jemand mit unbekannten Todesursachen und vor einigen Wochen wer anders zerstückelt im Park aufgefunden worden, sodass diese Angebote auch direkt wieder dankend abgelehnt wurden. Es war also überhaupt gar nicht einfach, irgendwas Vernünftiges zu finden. Ein Vorteil an der ganzen Sache war aber, dass wir wirklich viel von Birmingham und seiner Umgebung kennenlernten und die verschiedenen Viertel mittlerweile ganz gut einschätzen können. Wir haben auch schon einiges von der Stadt und vom Campus gesehen, aber dazu später mehr.

                Am Sonntag fanden wir dann etwas, das große Hoffnung entfachte: Ca. 25 Minuten mit Bus und Fußweg von mir entfernt gab es eine von der Seite http://www.birminghamstudentpad.co.uk/Accommodation angegebene 9er-WG, in der noch ein Zimmer frei war. Als ich an dem Morgen zu der entsprechenden Bushaltestelle lief, fand ich einen Park direkt um die Ecke und einen sehr schönen Weg direkt am Kanal (ich glaube, dass er ganz unspektakulär „Birmingham-Kanal“ heißt, bin mir aber nicht sicher) entlang. Zu meiner Überraschung stand ich mit meiner Bushaltestelle direkt vor Birminghams Gefängnis. Später wurde mir erzählt, dass es eines der schlimmsten G  efängnisse mit den häufigsten Aufständen überhaupt ist. Nice. Ich dachte immer, dass Gefängnisse außerhalb von Städten liegen, aber so kann man sich täuschen.

Der Kanal

Im Bus (übrigens bin ich bisher nur Doppeldecker gefahren) fuhr ich erstmal an einem LIDL vorbei, der zu Fuß nur 20 Minuten entfernt ist und Miriam und mir jetzt schon mehrmals Glücksgefühle beschert hat, weil er einen preismäßig fast genauso wenig im Stich lässt wie in Deutschland. Angekommen an der Zielstraße musste ich dann letztendlich eine Stunde auf Miriam warten, weil die Busse bei ihr wegen Baustellen nicht fuhren. Als die Arme es endlich geschafft hatte, herzukommen, suchten wir nach dem Haus. Die Straße wirkte sehr angenehm, mit hübschen Häusern und keinem zu weitem Weg zur Bushaltestelle. Am Haus erwartete uns der Vermieter, ein etwas älterer Inder, welcher uns direkt freundlich durch das Haus führte. Das Haus ist riesig. In dem Zimmer ganz oben im zweiten Stock hat Miriam eine eigene Dusche (jedes Zimmer hat dort eine eigene Dusche, ich bin neidisch), und es gab zwei Küchen mit drei Öfen. Ich meine hallo, wie cool ist das bitte? Bei drei Öfen würde ich meine eigene Bäckerei eröffnen. Wintergarten und Garten waren auch dabei, also quasi alles, was das Herz begehrt.

                Der Haken an der Sache war, dass Miriam ihm sofort Geld dalassen musste, wenn sie das Zimmer haben wollte, und noch diesen Monat für September und Oktober, und dann im Oktober für November und Dezember zahlen sollte. Also anders gesagt sollte sie in den ersten beiden Monaten sofort die Miete für den gesamten Aufenthalt überweisen. Das ist wohl auch normal hier, denn die meisten Vermieter verlangen nach einem sogenannten „UK guarantor“, wenn man die Miete normal monatlich zahlen will. Das bedeutet, dass jemand vor Ort versichern kann, dass die Miete gezahlt wird und es keine Probleme mit dem Geld gibt. Da bei Studenten wie zum Beispiel Miriam und mir die guarantors aber nun mal unsere Eltern in Deutschland sind, machen die Vermieter es hier oft so, dass sie die gesamte Miete in einem sehr knappen Zeitraum sofort sehen wollen. Wir ließen also £75 da, um das Zimmer zu sichern und den Mietvertrag abends zu unterschreiben. Kaum, dass wir das Haus verließen, überkam Miriam verständlicherweise die Panik, über den Tisch gezogen worden zu sein. In Deutschland macht man das mit dem Geld eben nicht so wie hier, und es ist ja wirklich viel Geld auf einmal, das man da loswird.

                Allerdings war das Geld ja sowohl mit dem Mietvertrag rechtlich abgesichert, und da die Wohnung von der offiziellen Uni-Seite abgesichert war, konnte es sich kaum um einen Betrüger handeln. Nachdem wir ausführlich mit Miriams Eltern über die Situation gesprochen hatten, entschied sie sich letztendlich dafür, in die Wohnung einzuziehen. Also hoben wir den entsprechenden Betrag an Geld ab und fuhren dann gegen 18 Uhr von mir aus zu Miriams neuem Zuhause, um dort den Mietvertrag zu unterschreiben. Eigentlich wollte ich schon um 19 Uhr wieder nach Hause fahren, weil ich nicht im Dunkeln an dem Gefängnis vorbei durch den Park laufen wollte. Aber Miriams Vermieter kam leider über eine halbe Stunde zu spät, und der Vertrag war ein Riesenschinken. Den lasen wir beide parallel durch, um sicherzugehen, dass nichts Verkehrtes darinstand. Die Frau des Vermieters war auch mitgekommen, und während Miriam ein Papier nach dem anderen Unterschrieb, unterhielt ich mich mit ihr. Sie erzählte mir, dass sie vor vielen Jahren von London nach Birmingham gezogen wären, weil ihr Mann Wissenschaftler und die Firma, für welche er arbeitet, umgezogen sei. Ihrer Meinung nach war London tausendmal schöner und sie vermisste es immer noch, aber Birmingham wäre viel ruhiger, billiger und geeigneter, um Kinder großzuziehen. Außerdem beteuerten beide, dass das Wasser hier das beste in ganz England wäre – naja, meine Haut und meine Haare erzählen mir da was anderes und es schmeckt und riecht, als ob es frisch aus dem Schwimmbad käme. Aber wahrscheinlich fänden die Briten das deutsche Wasser genauso eklig. Als wir beinahe mit dem Mietvertrag durch waren, wurde es draußen schon dunkel und ich wollte mich auf den Weg machen, doch die beiden boten mir total süß an, dass sie mich nach Hause fahren würden. Also blieb ich bis zum Schluss, schaute mir mit Miriam nochmal das Haus an und überließ sie dann sich selbst. Und so kam es, dass ich von Miriams Vermietern nach Hause kutschiert wurde (sie fragten mich sogar noch, ob sie vernünftig auf uns gewirkt hätten und ob ich mir Gedanken machen würde, dass Miriam sich nicht wohl fühlen würde), direkt vor die Haustür. Sooo lieb! Generell waren hier bisher einfach alle Menschen so nett zu uns, egal ob im Bus oder auf der Straße oder sonst wo.

                So, nochmal zusammenfassend Lektionen für die Wohnungssuche vor Ort:

  1. Wenn du jemanden dabeihast, dann macht es zu zweit, vor allem, wenn es dein erster Mietvertrag (im Ausland) ist, denn du allein unterschreibst. Natürlich geht das Ganze auch allein, aber jemanden an seiner Seite zu haben gibt einem einfach mehr Sicherheit. Natürlich hängt das auch ganz von dir und deiner Persönlichkeit ab.
  2. Informier dich vorher ein bisschen über die Viertel. Wenn du in eine Wohnung ziehst und danach hörst, dass nebenan manchmal Tote auftauchen, genießt du dein Leben dort glaube ich nicht sooo sehr.
  3. Versuche, über sichere Seiten an eine Wohnung zu kommen. Die Wohnungen auf den Universitäts-Seiten zum Beispiel sind verifiziert und somit keine Betrüger. Natürlich gibt es auch andere Seiten, die gute Angebote bieten, aber wer sichergehen will, ist dort richtig.
  4. Wenn du Geld an die Vermieter zahlst, achte darauf, dass du einen Beleg dafür bekommst! So kannst du dein Geld absichern und du hast Beweise, sollte dein Gegenüber deine Zahlung später leugnen.

 

Eure Julia 😊

Abschied und Ankunft

Donnerstag, 07.09.2017

         Hallihallo, da bin ich wieder. Ja, ich versuche mich nochmal an einem Blog. Nachdem mein Canada-Blog ja irgendwie irgendwann ein bisschen eingegangen ist, habe ich mich echt geärgert, dass ich mir da nicht mehr in den Hintern getreten habe. Ich habe mir auch festgenommen, ihn iiirgendwann zu Ende zu bringen, denn so ein Blog ist ehrlich genial, um die Erinnerungen wachzuhalten und die Erlebnisse natürlich mit anderen zu teilen, aber auch selbst reflektieren zu können. Werde ich es durchziehen? Keine Ahnung. Aber ich versuche es! Neues Abenteuer, neues Glück.

Bevor ich von meinem Abflug und meiner Ankunft hier in BIRMINGHAM, GROßBRITANNIEN berichte, möchte ich erstmal den Grund für den seltsamen Titel meines Blogs erklären: Mein kleiner Bruder hat zwar ganz süß für mich vor meiner Reise mitgefiebert, wusste aber den Namen meiner Zielstadt anscheinend nicht mehr so genau. Jedenfalls fragte er mich vor einigen Wochen, ob ich denn schon aufgeregt vor meiner Reise nach „Burningham“ wäre. Da ich einen brennenden Schinken schon ziemlich aufregend finde, dachte ich mir, dass er gleich meinen Blog betiteln kann. Soweit dazu. Noch einige Lektionen, die ich allen Auslandsinteressierten mitteilen möchte, bevor ich mit meiner Tagesbeschreibung starte:

  1. Man muss Pfund vorbestellen, und es braucht einige Tage, bis das Geld da ist. Einen Tag vor Abflug auf die Idee zu kommen, Pfund zu holen, ist dumm. Spar dir die Besuche bei allen Banken in deiner Stadt.
  2. Hab all deine PIN-Nummern parat. Mein Handy hat sich am Flughafen neu gestartet und ich wusste die neue PIN wegen meines Vertragwechsels nicht mehr. Gut, dass ich nicht alleine unterwegs war und wenigstens die Schwester das Telefon um halb 7 am Morgen hört. Was auch vorgekommen ist (allerdings nicht bei mir), ist, dass man plötzlich die PIN zur neuen VISA-Karte nicht hatte und aus England in Deutschland anrufen musste – teuer und nervenaufreibend. Also: PINs irgendwo, wo es sicher ist, gut vermerken, falls du ein schlechtes Gedächtnis hast.
  3. Überleg dir vorher, wie du zu deinem Zielort kommst, nicht erst, wenn du in England am Flughafen stehst. Und lad dir auch am besten vorher eine Offline-Map herunter, dann bist du auf der sicheren Seite.

Ich weiß nicht, ob es mir vor Kanada genauso ging, oder ob ich es einfach ausgeblendet habe, aber ich hatte bis zu meiner Ankunft in meiner Wohnung den Eindruck, dass ich unglaublich unvorbereitet war. Vielleicht lag es auch daran, dass mich hier keine Gastfamilie vom Flughafen abgeholt und mir einen vollen Kühlschrank bereitgestellt hat. Hier bist du komplett auf dich allein gestellt, musst zusehen, wie du an Essen und von A nach B kommst und dich selbst um deine Wohnung und all deinen anderen wichtigen Kram kümmern. Gar nicht so eine leichte Nummer, aber ich denke, daran wachsen wir.

     Es ist jetzt fast 22 Uhr hier in England, heißt ca. 23 Uhr in Deutschland, und ich klopfe mir innerlich selbst auf die Schulter, dass ich so lange durchgehalten habe. Meine Freundin Miriam und ich sind nämlich heute gegen 5 Uhr morgens am Düsseldorfer Flughafen eingetroffen (an dieser Stelle tausend Dank an meinen Freund, dass er sich zu einer so unheiligen Zeit mit mir ins Auto gesetzt hat), und die Fahrt dorthin hat auch schon knappe 1 3/4h gedauert. Trotz der frühen Stunde war der Flughafen rappelvoll und die Schlangen an den Security-Checks gefühlte Kilometer lang, weshalb ein dramatischer Abschied von den Lieben kaum möglich war – wahrscheinlich war es besser so, denn so waren wir quasi dazu gezwungen, uns auf das Vorbestehende zu konzentrieren und nicht darauf was für ein mieses Gefühl es ist, Abschied zu nehmen. Unser Flugzeug war halb leer und – wir konnten es kaum fassen – wir waren sogar schneller in Birmingham, als es eigentlich geplant war. Die Anreise zu meiner Wohnung war etwas holprig, weil ich nicht schlau genug war, mir den Weg dorthin vorher zu überlegen. UND: Die Busse hier sagen dir nicht an, wo du bist. Ich HASSE das. In Kanada war das der Grund, wieso mich die Polizei heulend nach Hause fahren musste, weil ich nicht wusste, wo ich war. WIESO sagt man im Bus nicht die Stationen an??? Sollen wir riechen, wo wir aussteigen müssen? Das ist mir wirklich auf ewig ein nervtötendes Rätsel.

                        Mein Haus (das schmale Ding in der Mitte)                  die Umgebung

      Wie auch immer, nachdem wir einmal unnötig um den Block gelaufen waren, kamen wir nach einer guten Stunde (wahrscheinlich etwas länger) bei meinem Zuhause für die nächsten 6 Monate an. Mein Vermieter erwartete mich bzw. uns bereits und bat uns direkt hinein, um uns das Haus (!) zu zeigen. Ja, ich wohne wirklich in einem richtigen Haus! Ich dachte, dass ich in einer Stadt wie Birmingham wahrscheinlich sogar noch mit Glück in einer winzigen Wohnung unterkomme, aber ich habe ernsthaft einen Garten und einen Wintergarten. So luxuriös habe ich nicht mal in Paderborn gelebt. Mein Zimmer ist zwar sehr klein, aber es hat alles was es braucht und man kann es sich ganz heimelig einrichten. Mit mir wohnen hier noch vier weitere Jungs, von denen ich bisher zwei kurz aber positiv kennengelernt habe. Soweit ich das hier einschätzen kann, werden wir hier zwar kein für mich gewohntes buntes WG-Leben, aber auch keine reine Zwecks-WG haben, und das ist doch schon mal was Gutes. Nachdem der Mietvertrag unterschrieben und die wichtigsten Fragen und Dinge geklärt waren, quetschten Miri und ich uns erstmal in mein Bett und gönnten uns eine Runde Schlaf, bevor wir uns mit den weiteren wichtigen Dingen im Leben beschäftigten. Größtenteils verbrachten wir den Tag damit, herumzudösen, meinen Koffer auszupacken und Wohnungen für Miriam herauszusuchen. Miriam wohnt momentan noch in einem Hostel, die Wohnungssuche für sie machen wir in den nächsten Tagen gemeinsam.

Mein ZimmerAusblick aus meinem FensterDas Bad mit der einzigen DuscheDie Küche

      Gegen Spätnachmittag wurde ich dann langsam echt hungrig, weil ich seit morgens um 4, wo ich eine Banane und einen Apfel verdrückt hab, außer einem Müsliriegel und einem Nutella-Breadstick nichts mehr gegessen hatte. Wir beschlossen, den Weg in die Stadt zu Fuß zu bestreiten und haben uns natürlich direkt einige Male verlaufen, weil wir keine Karte hatten und unsere Datenvolumen uns trotz Versprechen der Europäischen Union irgendwie im Stich gelassen haben. Bereits auf dem Weg stand für uns beiden fest, dass wir nachts auf keinen Fall allein hier herumlaufen würden. Die Umgebung direkt um mein Zuhause herum scheint zwar sehr sicher und hübsch, aber ein oder zwei Kilometer weiter kommt man in echt heruntergekommene und verarmte Gegenden, die nicht so einladend wirken, um ehrlich zu sein. Ganz offen und ehrlich gesagt, mein erster Eindruck von Birmingham war also eher: Ach du Schreck. Auf unserem Weg in die Stadt hielten wir kurz bei Miris Hostel (es heißt „Hatters“ und hat supernettes Personal!) und checkten dort ein, dann bummelten wir weiter die Straßen entlang, bis wir irgendwann auf einmal in der Innenstadt Birminghams standen. Dieser Kontrast zwischen arm und reich, den Großstädte, bzw. gerade Birmingham, so unglaublich auffällig zeigen, ist wirklich… wie soll ich sagen, faszinierend, aber auch erschreckend. Die Innenstadt zeigt einen enormen Unterschied zu der Gegend, durch die wir vorher gelaufen waren: Riesige, moderne Hochhäuser und Bauten zwischen wunderschönen, gepflegten Altbauten, überall Blumen, schicke Läden und Restaurants, alles mehr oder weniger sauber und stilvoll. Wo Miriam und ich vorher noch gemeckert haben, dass wir uns ja niemals im Leben hier sicher fühlen könnten, standen wir einige Minuten später ein paar Kilometer weiter mitten im angepriesenen Großstadtleben und fühlten uns mit einem Mal pudelwohl.

       Wir kehrten nach ein paar weiteren Schlendereien irgendwann gegen 19 Uhr in ein kleines Restaurant ein, das „Grand Central Kitchen“ heißt, und aßen dort eine echt leckere Pilzsuppe und das knoblauchigste Knoblauchbrot, das ich jemals gegessen habe. Danach gingen wir noch in der Innenstadt in einen Supermarkt und machten einen Grundeinkauf für meinen Kühlschrank (ich war überrascht, denn so teuer, wie ich es mir ausgemalt hatte, war es gar nicht) und unsere Wege trennten sich schließlich. Abends saß ich noch kurz mit meinem Flatmate Daniel, welcher schon mit einer kurzen Unterbrechung seit ein oder zwei Jahren hier wohnt, in der Küche und wir unterhielten uns ein bisschen über das Leben in Birmingham, London und Deutschland. Tja, und das war auch schon mein erster Tag hier. Fortsetzung folgt!

        Eure Julia 😊